Ophrys neglecta PARLATORE (1858)

Übersehene Ragwurz

Bas.:
Ophrys neglecta PARLATORE (1858
)
Syn.:
Ophrys tenthredinifera ssp. neglecta E.G. CAMUS, P. BERGON & A. CAMUS (1908)

Verbreitung:
Das Verbreitungsgebiet mit Schwerpunkt vor allem in Süditalien reicht von den thyrrenischen Inseln Korsika, Elba und Sardinien im Westen bis Kroatien im Osten. Eigenartigerweise ist sie nur extrem selten in Kroatien vertreten. Einzelexemplare sind von Südistrien und dem Süden Kroatiens bekannt (HERTEL & ZIRNSACK (2006))
Neben Istrien stellt die Toskana ihre nördliche Verbreitungsgrenze dar.
Auf Sardinien ist diese Art mehr oder weniger über den gesamten Inselbereich vertreten und bildet hier teilweise recht individuenreiche Populationen.
Auf der nördlichen Nachbarinsel Korsika und auch Elba ist sie wesentlich seltener anzutreffen. Auf Korsika, In der Gegend um Bonifacio, kommt sie gemeinsam mit der größer- und dunkelblütigeren Ophrys aprilia vor, die jedoch früher blüht. Uns gelang 2006 kein sicherer Nachweis von Op. neglecta auf Korsika.

Standort:

meist vollsonig bis leicht beschattet in den Wiesenbereichen lückiger Phrygana, Weidewiesen auf relativ frischem, humosen Böden über meist basenreichen bis kalkhaltigem Untergrund.
Zu trockene Areale scheint sie eher zu meiden.
Auf Sardinien ist sie wie bereits erwähnt keine seltene Ophrys- Art und besiedelt die verschiedensten Biotope, zum Teil sogar als einzige Orchideenart in gestörten, artenarmen Arealen.

Blütezeit:

Auf Sardinien besitzt sie ein sehr weites "Blühfenster", was sich von Mitte März bis Anfang Juni.
Wir fanden am 01.04 in Hochblüte stehende Pflanzen bei Baunei auf einer Höhe von ca. 140 m.
Da sich die klimatischen Verhältnisse zu Süd- Korsika kaum oder gar nicht unterscheiden, verwundert es doch ein wenig, dass auf Korsika Op. neglecta stets nach Op. aprilia blühen soll, also ab Mitte April, während auf Sardinien bereits Mitte/ Ende März Blühbeginn ist.

Die Autoren DEVILLERS, P., DEVILLERS-TERSCHUREN, J. & TYTECA, D. (2003) weisen im Jour. Eur. Orch. 35 (1): 109 - 161 daurauf hin, dass die sardischen Populationen in einigen Merkmalen der Blütenmorphologie von den Ophrys neglecta- Populationen Süditaliens abweichen.
So sind die sardischen Pflanzen etwas größer, die Lippenrandbehaarung ist etwas weniger "wollig" und das Haarbüschel oberhalb des Anhängsels oftmals mit leicht rötlichem Einschlag.
Nach unseren Beobachtungen sind dies allerdings keine durchgehenden Abweichungen, sondern liegen in der Variationsbreite der oftmals recht individuenreichen Populationen auf Sardinien.


Merkmale:
Habitus:
In der Regel eher gedrungene, kleinwüchsige Pflanzen mit 3 - 4 Blüten, teilweise aber auch mit über 20 cm recht hochwüchsig mit bis zu 8 Blüten; Laubblätter am Grund rosettig angeordnet, das letzte meist aufrecht stehend und den Stängel scheidig umhüllend, hellgrün, längs nerviert und lanzettlich geformt.
Blüten klein bis mittelgroß, durch den Kontrast der weißlich bis rosafarbenen Perigonblätter und der gelbbraunen- Lippe sehr farbenfroh
Sepala: die seitlichen oval bis eiförmig, am Ende abgerundet oder stumpf endend, sie seitlichen 9-12 mm lang, 6,5 - 8 mm breit, das mittlere etwas schmäler im basalen Bereich und abgerundet endend. Alle Sepala sind auf der Innenseite konkav gewölbt, farblich variierend von weiß bis rosa gefärbt, stets mit grünem Mittelnerv
Petala ca. 4 mm lang und 2 - 3 mm breit, farblich wie die Sepala gefärbt, dreieckig, am Grunde leicht geöhrt und am Ende meist zugespitzt, dicht und kurz behaart
Lippe: zweifarbig mit relativ breitem gelben Randbereich und rötlich - bis dunkelbraunem Lippenzentrum;
klein bis mittelgroß, aufgrund der meist zurückgeschlagenen Seitenränder frontal betrachtet elliptisch bis rundlich erscheinend, wobei die Größe der Blüten und die Intensität der Lippenwölbung sehr unterschiedlich sein kann (siehe Abbildung unten);
die seitlichen distalen Lippenränder sind nicht oder nur ganz schwach nach oben gebogen;
"Schultern" abgerundet und hoch angesetzt mit nur schwach entwickelten, gelb gefärbten Höckern;
Randbehaarung dicht, steif, abstehend, relativ deutlich abgegrenzt vom Lippenzentrum;
Haarbüschel auffällig, aus steifen langen, fast stachelig wirkenden Haaren über dem Anhängsel stark entwickelt, farblich variierend von strohgelb bis rötlich braun.
Lippenmal klein, das Basalfeld umrahmend, im Zentrum dunkel-stahlblau, außen hellgrau umrandet, nach unten in zwei verlängerte Hälften auslaufend.
Basalfeld sehr klein, dunkelbraun bis fast schwarz, nach unten etwas heller werdend,
Narbenhöhlengrund sehr dunkel braun bis schwarz mit wulstartigen, dunkel-olivgrünen bis schwarzen Schwielen, die jedoch mehr an große Pseudo-Augen erinnern
Bestäuber: ?, wahrscheinlich Eucera clypeata oder E. oraniensis

01.04.2007 Baunei
02.04.2007 Laconi
01.04.2007 Baunei

10.04.2007 Domusnovas - ein Größenvergleich -

02.04.2007 Laconi - "Jailpic" mit Maßstab im Millimeter-Raster -
Hybriden:
mit Op. bombyliflora, Op. morisii und Op. pseudoatrata bekannt.
01.04.2007 Baunei - im Biotop, weitere Arten sind Ophrys speculum, Anacamptis papilionacea und longicornu sowie Serapias lingua, Serapias parvula
02,04.2007 Laconi
10.04.2007 Domusnovas - zwei Pflanzen mit auffallend unterschiedlichen Blütendimensionen. Bei der größeren Pflanze sind die Lippen zudem kaum gewölbt.05.04.2007 Paulilatino 06.04.2007 Norghia
05.04.2007 Paulilatino - im Biotop
06.04.2007 Norghia - "Jailpic" mit Maßstab im Millimeter-Raster -