Anacamptis coriophora (LINNÉ) R.M. BATEMAN, PRIDGEON & M.W. CHASE (1997)

Wanzen-Knabenkraut
Bas.:
Orchis coriophora LINNÉ (1753)
Syn.:
Anteriorchis coriophora (L.) E, KLEIN & STRACK (1989)

Verbreitung:
Das Gesamtverbreitungsgebiet ist sehr ausgedehnt und erstreckt sich westlich
von der Iberischen Halbinsel, Frankreich, Mitteleuropa bis nach Russland, südlich des vierzigsten Breitengrades bis zum Süd-Ende des Kaspischen Meeres. Im Norden enden die Vorkommen unterhalb des 55igsten Breitengrades.
Im südlichen Europa ist sie vor allem in den Gebirgsregionen mit winterlicher Schneedecke vertreten. Die südlich der Alpen verbreitete und noch deutlich häufiger vorkommende Unterart ssp. fragrans hingegen ist nicht winterhart und meidet somit frostgefährdete Regionen.
Trotz des großen Verbreitungsareals ist Anacamptis coriophora in fast allen Teilen, vor allem aber nördlich der Alpen sehr stark rückläufig. Ähnlich wie z.B. Anacamptis palustris ist sie kaum in der Lage, sich an meist durch den Menschen veränderte Bedingungen anzupassen.
In Deutschland war es bis vor etwa 100 Jahren eine recht gut verbreitete und nicht selten auftretende Orchidee. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts begannen die Vorkommen zu erlöschen. Ursachen lagen und liegen zum großen Teil an Eingriffen in den Wasserhaushalt, Eintrag von Stickstoff in die Biotope und zum großen Teil auch direkte Landnutzung durch Bebauung, so dass die extrem konkurrenzschwache Art allgemein schnell verschwand. In Deutschland ist sie nur noch in Bayern und sehr selten in Baden-Württemberg zu finden. Sie ist akut vom Aussterben bedroht! Die letzten reliktartigen Vorkommen sind in erster Linie durch Verbuschung, Düngung (selbst in nur nahe gelegenen Bereichen) oder Trockenlegung gefährdet. Ähnlich ist die Lage in Österreich, wo sie ebenfalls in den letzten Jahrzehnten stark im Rückgang begriffen ist. So gilt sie auch hier als vom Aussterben bedroht.

Standort: Bevorzugt werden wechselfeuchte bis mäßig feuchte, magere Wiesen in Flußauen, Streuwiesen, feuchtere Stellen in ungedüngten, extensiv genutzten Weidewiesen besiedelt. Im südlichen Verbreitungsgebiet bilden von der Schneeschmelze beeinflusste Gebirgswiesen bis in Höhen über 2000 m die umfangreichsten Vorkommen, während sie nördlich der Alpen nur bis etwa 800 m aufsteigt.
Meist steht sie vollsonnig auf kalkhaltigem Untergrund, verträgt aber auch leicht saure Böden.

Blütezeit:
von Ende Mai bis Mitte Juni, in höheren Lagen in Südeuropa auch bis Anfang Juli

Merkmale
Habitus: schlanke, zierliche, bei gedrungenem Wuchs auch stämmig wirkende Pflanze, mit Wuchs-höhen zwischen 10 und 30, selten bis zu 40 cm.
Stängel hellgrün, stielrund bis schwach kantig und fast bis zum Blütenstand beblättert.
Laubblätter ungefleckt, bläulich grün, zur Blütezeit gelblich-grün werdend, lanzettlich bis lineal- lanzettlich und spitz endend, leicht gekielt, am Grund aufrecht stehend und rosettig genähert, die oberen stängelbegleitend, die rosettigen Grundblätter treiben bereits im Herbst aus.
Blütenstand: bis zu 15 cm lang, allseitswendig, zylindrisch bis breitoval, dicht mit kleinen, meist schmutzig grünlich bis bräunlich gefärbten, Blüten, Spitze der Infloreszens (meist!) auch mit Knospen stumpf, nicht spitz wie bei An. fragrans endend.
Tragblätter lineal, häutig, in etwa so lang wie der Fruchtknoten, blass weißlich mit grünlicher Aderung
Auf den ersten Blick sind die einzelnen Blüten nur schwer differenzierbar.
Blüten klein, breiter als bei fragrans, nach Blattwanzen (?) duftend und im Schnitt dunkler braunrot (schmutziger) gefärbt. Farblich sind die Blütenstände eher unscheinbar und unauffällig
Sepala eiförmig lanzettlich, spitz endend und in einem spitz geschnäbelten Helm vereinigt, der in der Regel etwas weniger lang ausgezogen als bei An. fragrans ist, auf der Außenseite etwas heller, oder wie die Lippe gefärbt
Petala deutlich kleiner als Sepala, mit diesen zu einem geschlossenen Helm verklebt, bzw. verwachsen, von außen nicht sichtbar.
Lippe
4 - 7 mm lang, an der hellen Lippenbasis quer zur Längsachse nach hinten gebogen, deutlich dreigeteilt, Seitenlappen am Rand grob gezähnt, kürzer als der Mittellappen, dieser im Verhältnis zur Länge breiter als bei An. fragrans und meist weniger konisch zulaufend (oftmals gleichmäßig gleichbreit bleibend), Lippenfärbung variierend zwischen dunkel braunrot bis "schmutzig" grün-rosa,
an der weißlichen Lippenbasis papillös behaart und mit dunklen braunroten, kleinen Flecken gezeichnet, die bei An. fragrans meist leuchtender rot und im Verhältnis zur Lippengröße größer ausfallen
Sporn nektarführend (!), etwas blasser als die Blütenfärbung, trotzdem meist bräunlich rot (!), dunkler als bei fragrans, stark konisch, kürzer als der Fruchtknoten und (sichelförmig) abwärts gebogen

17.06.2006 Bad Tölz - viele Insekten, wie z. B. dieserMoorweichkäfer (Dascillus cervinus) werden durch den eigenartigen Duft und Nektar in den Blüten angelockt -
17.06.2006 Bad Tölz - Habitus -
08.06.03 Landsberg/ Lech - Blütenstand mit etwas heller, typisch schmutzig grün gefärbten Blüten -
17.06.2006 Bad Tölz - Blütenstandsauschnitt -
Hybriden: Mit Anacamptis fragrans, Anacamtis laxiflora, An. morio, An. palustris, An. pyramidalis und verschiedenen Serapias- Arten bekannt.
17.06.2006 Bad Tölz - Blütenstandsauschnitt -
08.06.03 Landsberg/ Lech - die Pflanzen passen ihre Wuchshöhe an die begleitende Flora an. So zum Beispiel sind die Exemplare von Bad Tölz im Schnitt höherwüchsig als die Pflanzen von Landsberg - 17.06.2006 Bad Tölz - relativ lockerblütige Infloreszens in Begleitung des Mittleren Zittergrases Briza media -17.06.2006 Bad Tölz

08.06.03 Landsberg/ Lech - die Frühlings-Seidenbiene Colletes cunicularius (?) stattete diesem Exemplar einen hektischen aber intensiven Besuch ab. Bemerkenswerterweise wurden ihr aber die Pollinien nicht an den Kopf geheftet, sondern eher an die Gliedmaßen. Ob damit eine effektive Bestäubung möglich war ist fraglich. -
17.06.2006 Bad Tölz - In diesem Fall fand die Steinhummel Bombus lapidarius reges Interesse an Anacamptis coriohora. Leider waren auch hier keine Pollinien am Kopf, oder anderen Körperteilen der Hummel zu sehen. -
17.06.2006 Bad Tölz - der konische Sporn ist in der Regel ebenfalls "schmutzig" rötlich gefärbt -
17.06.2006 Bad Tölz - Einzelnlüte frontal, der Mittellappen ist relativ breit -
17.06.2006 Bad Tölz - Halbtrockenrasen als Biotop. Weitere Arten: Gymnadenia conopsea, Orobanche gracilis, Rhinanthus minor und Dactylorhiza fuchsii sowie Neottia ovata in den Randbereichen.